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TU Berlin

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Ursula Walk, geb. 1925

Ursula Walk, 2008 in Essen
Lupe

Ursula Walk, geborene Hebekeuser, wurde nach dem 2. Weltkrieg mit 23 Jahren im Ingenieurbüro von Konrad Zuse für Arbeiten an der Rechenmaschine Z4 angestellt. Sie gilt als die erste deutsche Computerprogrammiererin. Heute lebt sie in Essen und ist mittlerweile vierfache Urgroßmutter.

Frau Walk, wie kam es, dass Sie eine Ausbildung zur technischen Zeichnerin machten?
Ich konnte immer schon sehr gut zeichnen und malen, und meine Mutter wollte mich eigentlich an der Folkwang-Schule in Essen für ein Kunststudium anmelden. Mein Vater aber bestand auf etwas „Soliderem“ und da er bei Krupp als Bauunternehmer tätig war, vermittelte er mir 1942 eine Ausbildung als technische Zeichnerin bei Krupp Stahlbau. Da es sich um die Kriegsjahre handelte, hatte ich immer wieder mit der Waffenproduktion zu tun. Meine „Gesellenarbeit“ war eine technische Zeichnung eines Geschützrohrs für Torpedos in Kriegsschiffen. 

Wo und wann trafen Sie Konrad Zuse, der Sie als Angestellte für sein Projekt gewinnen konnte?
Während meiner Ausbildung ab 1942 und vor allem auch später als ich fest bei Krupp arbeitete, war ich ständig Bombenangriffen ausgesetzt. Und tatsächlich wurde das Haus meiner Familie, in dem ich mit meinen Eltern und meinen drei Geschwistern lebte, 1943 ausgebombt, da war ich 18 Jahre alt. Meine Mutter entschied sich deshalb 1943 mit den jüngeren Brüdern nach Füssen ins Allgäu zu gehen, um in Sicherheit vor den Bomben zu sein. Meine Schwester war im Arbeitsdienst und ich weiterhin bei Krupp. Wir besuchten die Familie im Allgäu häufig und blieben auch teilweise für längere Zeit. Nach dem Krieg haben wir den Kontakt zu den Bauern, die uns aufgenommen hatten, gehalten, und wir verbrachten regelmäßig einige Wochen dort, heute sind wir enge Freunde. Als ich 1948 vier bis sechs Wochen in Füssen war – Krupp war durch den Krieg zerschlagen und ich hatte nur Hilfstätigkeiten als „Trümmerfrau“ inne, keine feste Arbeit mehr –, kam ein Mitarbeiter von Konrad Zuse auf mich zu, weil er wusste, dass ich technische Zeichnerin war, und fragte mich, ob ich nicht für das Ingenieur-Büro Zuse arbeiten möchte. Ich willigte ein und war dann für insgesamt sechs Monate bei Zuse im Nachbarort Hopferau angestellt. Ich wurde beim Bürgermeister in einem kleinen Zimmer einquartiert. Bei Zuse war ich dann krankenversichert und bekam auch einen zumindest geringen Lohn.   

Welche Tätigkeiten übten Sie im Zuse-Ingenieurbüro aus?
Konrad Zuse (1910-1995) war Bauingenieur und hatte sich entschlossen, selbstständig Rechenmaschinen zu bauen, die finanziell von der Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt gefördert wurden. Die ersten drei Maschinen wurden während des Krieges zerstört, nur die Z4 konnte Zuse retten und auf abenteuerlichen Wegen nach Hopferau ins Allgäu transportieren. Die Z4 war eine programmgesteuerte Maschine, in die über Lochstreifen aus Filmmaterial Eingaben gemacht wurden, auf Lochstreifen druckte sie auch die Ausgaben. Der Speicher verfügte über 64 Worte und arbeitete mit mechanischen Schaltgliedern im Dualsystem. Die Schaltgliedtechnik war von Zuse eigens entworfen worden. Ferner nutze die Z4 Relais-Technik, die damals auch in Telefonzentralen zu finden war. Meine Aufgabe bestand darin, Zahlen in die Rechenmaschine einzugeben und Berechnungen zu machen, wofür mich Zuse vorher in das duale Rechensystem eingewiesen hatte. Außerdem fertigte ich Zeichnungen der Relais und der Schaltfunktionen sowie der gesamten Rechenanlage an. Darüber hinaus tippte ich die Korrespondenz für Konrad Zuse und später auch seine Doktorarbeit. Ich fertigte auch für die Doktorarbeit Zeichnungen an, die ihr beigefügt wurden, und ich schickte sie dann nach Augsburg. Leider hatte Zuse vergessen, mir 400 Mark zu geben, um die Aufnahmegebühr an der Universität Augsburg zu bezahlen, so dass die Doktorarbeit leider zurückgesendet und nicht angenommen wurde. Doch Zuse war das zum Glück irgendwie egal, nur manchmal hat er mich mit diesem Versäumnis „aufgezogen“. Nachdem ich schon lange aus Hopferau weg war, verkaufte Zuse die Z4 dann 1950 an die ETH Zürich, die von Zuses Pioniergeist und seiner Computertechnik begeistert war und die Rechenmaschine in der numerischen Mathematik einsetzte.  

Wie sahen die Arbeitsbedingungen in Hopferau aus?
Die Z4 war im Keller eines Mehllagers des Dorfbäckers aufgebaut. Die Arbeitsbedingungen in diesem Keller waren recht behelfsmäßig. Es gab kein fließendes Wasser und wir mussten die Toiletten der nahe gelegenen Gaststätte benutzen. Auch kann ich mich nur an ein Fenster erinnern, wir begnügten uns mit elektrischem Licht. Im Dorf galt Zuse als „verschrobener Tüfftler“. Seine im Vergleich zu heute sehr große Rechenanlage, die ca. die Größe von einem Kleiderschrank hatte, wurde als „seltsame Maschine“ betrachtet. Durch eine Wette erwarb Zuse aber die Anerkennung im Dorf: Er sagte, dass er mit seiner Rechenmaschine die Milchgeldabrechnung schneller berechnen könne als der Milchbauer selbst. Zuse gewann die Wette haushoch und druckte bis Ende 1949 die Milchgeldabrechnung für 36 Lieferanten auf Lochstreifen aus.   

Was taten Sie nach der Zeit bei Konrad Zuse?
In der Zeit bei Zuse habe ich meinen Mann kennen gelernt, der auf einem Nachbarhof wohnte und Postbote war. Schnell war ich schwanger, da es damals noch keine Pille gab. Wir haben dann geheiratet. Es war damals üblich, dass ich meine Anstellung verlassen musste, heute hätte ich meine Arbeit bei Zuse sicherlich nicht so schnell aufgegeben. Wir haben dann noch sieben Jahre in Füssen im Allgäu gelebt und sind dann nach Essen gezogen, wo uns mein Vater ein Wohnhaus vermittelt hatte. Insgesamt haben wir fünf Kinder bekommen, und ich war 20 Jahre Hausfrau. 1968 bin ich  wieder in meinen Beruf als technische Zeichnerin eingestiegen und habe vor allem für Brauereien gearbeitet: unzählige Braukessel gezeichnet. Mir ist in den Jahren erst nach und nach bewusst geworden, an was für einer revolutionären Maschine ich eigentlich damals mitgearbeitet habe.  

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch führte Dr. Stefanie Rinke

Weitere Infos bei Dr. Horst Zuse

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